5:53, IRGENDEIN GLEIS.

Die Herzen von Samstag Nacht
sitzen an Bürgersteigbordsteinen
rauchen die letzte
oder vorletzte
oder vorvorletzte des Abends

ein paar mehr noch vielleicht

Und wir
schieben unser letztes bisschen Einsamkeit
über verlebte Strecken
und versuchen
die Augen
gerade zu halten

Wenn es doch
immer so einfach wäre

die Lider
im richtigen Moment
nicht zu schließen

die Strecke
nicht aus den Augen
zu verlieren

Dann zündest du dir
mit geliehenem Feuer
eine letzte
oder vorletzte an

schiebst den Qualm
zwischen die neblige Sonne

und für den Moment
genügt das.

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DAS WUNDERKIND.

EIN MYTHOS.

(entstanden für das Programmheft der Produktion “Die Suche nach dem blauen Klang”, Regie: Aileen Schneider, Premiere: 12.07.2015)

Als Frédéric Chopin sich im frühen Alter von sieben Jahren an seine ersten Kompositionen wagte, stand, ganz im Sinne des gut fünfzig Jahre zuvor geborenen Mozart, schnell die häufig gebrauchte Bezeichnung des „Wunderkinds“ im Raum. Doch wie verändert ein solcher Begriff das Leben eines jungen Menschen? Der französische Philosoph Roland Barthes erkennt 1957 in seinen „Mythen des Alltags“: „Heute bedeutet Genie soviel wie Zeit sparen, nämlich mit acht Jahren das tun, was man normalerweise mit fünfundzwanzig tut.“ Um das Wunderkind rankt sich seit jeher eine geheimnisvolle Aura. Es hat Zugriff auf Fähigkeiten, die nicht jedem Menschen zur Verfügung stehen. Fähigkeiten, die nicht erlernbar sind, sondern sich aufgrund günstiger geistiger Voraussetzungen fast wie von selbst herausbilden. Die Kindheit wird zum Ort des Besonderen, da sie sonst ein Zustand des Zerbrechlichen, des Unausgebildeten ist. Gerade das Unausgebildete ist es jedoch, das im Wunderkind seine Überwindung findet. Das Heranwachsen wird zum Wettkampf, der mit dem Ende der Kindheit abrupt abbricht. Folglich formuliert Barthes weiter: „Seit der Romantik geht es darum, möglichst lange darin zu bleiben. […] Doch im selben Augenblick, in dem die Kindheit als Wunder bestimmt wird, empört man sich dagegen, dass dieses Wunder nichts anderes als ein vorzeitiger Zugang zu den Fähigkeiten des Erwachsenen sei.“ Gerade Chopins Entwicklung stellte sich jedoch gegen so einen Zugang. Sein Vater Mikolaj hatte kein Interesse, aus dem Talent seines Sohnes finanziellen Gewinn zu schlagen, obwohl Angebote dieser Art ständig im Raum standen. Denn auch die Konzertveranstalter verband ein gesteigertes Interesse am kleinen Chopin, schließlich konnte man mit einer solch jungen musikalischen Sensation besonders werben. Dass das Können Chopins jedoch nicht nur ein vorzeitiger Zugriff auf spätere Talente sein sollte, bewies sich in den gesamten 39 Jahren seines Lebens. Er schaffte es, sich nicht vom psychischen Druck eines Wunderkindes vereinnahmen zu lassen, sondern hatte im Kreise seiner Familie eine behütete Kindheit, in der er an seinen Talenten feilen und diese schließlich im Erwachsenenalter zur Perfektion treiben konnte. Erst dann zeigt sich schließlich, was ein echtes musikalisches Genie ausmacht: Die Befähigung, nicht nur zu überraschen, sondern im selben Zug auch Grenzen zu überschreiten und die musikhistorische Entwicklung während der Lebzeit und darüber hinaus zu prägen. Man gehe am Ende soweit, zu behaupten, Chopin war kein „Wunderkind“ – im besten Sinne. Diesen kruden Mythos konnte er mit gutem Gewissen hinter sich lassen.

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DAS LIED VOM GEFRÄSSIGEN LEBEN.

Jede Bühne auf der Welt
Ist mein Brett zum Profilieren
Oh, bitte lass mich profitieren

Wenn der Hunger so sehr drückt
Dass man sich selbst essen muss
Ist das ein Leben?
Das ist ein Leben
im Selbstwiderspruch!

Oh, ich bin so richtig köstlich
dass mich jeder haben muss
Ich bin so glücklich, so unverwüstlich
Oh, mein Gott ist der Genuss.

(Kunstlied, entstanden für die Performance „Die Fünfminutenmaschine“ im Rahmen des Festivals „Kidnapping Mozart“ am Theater Bremen, Premiere: 02. Juli 2015)

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STUFEN ZÄHLEN.

(aus der Buchveröffentlichung „Wir schweigen immer lauter“)

Wir haben neunzehn Jahre
aus dem Fenster geworfen
Sie in kleine Teile geschraubt
und im Container versenkt

Und dann der Abschied
wie in einer billigen Sitcom
wo einer alleine
die Tür schließt und das Licht löscht.

Wir nehmen den Rest Kisten
Die übrigen paar Kilo Heimat

Und zählen ein letztes Mal
die Stufen.

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ES KÖNNTE ANDERS SEIN.

DER FREMDE IN MEINEM BETT.

Du hast meine Sorgen durchschaut. Du warfst einen Blick, deinen Blick, auf meine Sorgen, durchschlugst sie mit dem Licht deiner Augen und fingst gierig auf, was in dicken, schwarzen Tropfen aus ihnen rann. Doch der Durchblick in mein Herz ist destruktiv. Du siehst hinein: Zertrümmertes Milchglas. Siehst Scherben, Schemen, Abbilder dessen, was du erwartest. Doch deine Erwartung muss enttäuscht werden. Sie enttäuscht uns beide. Wir halten die extrahierte Täuschung wie Bernstein in die Sonne, in der Hoffnung, darin noch etwas entdecken zu können. Die Schwärze in unserem Gold. Ein kleines Tierchen, das letzte bisschen Leben, das sich noch vermuten lässt. Verstehen wir uns? Du mich? Ich dich? Sind wir Freunde? Liebhaber? Geschwister? Fremde wohl. Bleiben einzig wir, nie ganz eins. Ich verbringe die Tage mit, komme heim zu, habe Teil an einem Menschen, dessen Lächeln mich so sehr enttäuscht. Erzähle aufgewühlt. Das Lächeln nickt. Das wäre doch in Ordnung, wenn es nicht nur das täte! Ich erzähle dieses Leben, erzähle gründlich, doch deine Lippen formen Worte, die vernichten: „Es könnte auch anders sein.“ Ja, ich weiß. Aber warum akzeptierst du nicht, was es ist? Für mich? Warum streiten wir wiederholt darüber? Lernen wir nicht dazu? Dazu gibt es vielleicht nichts zu lernen, irgendwann ist ausgelernt, man ist erwachsen aus den Dingen, denen man sich zuvor nicht gewachsen fühlte, und mit diesem Wuchs lebt man nun. Vielleicht verlassen wir ihn bald, den Ort unseres Streits. Aber nicht heute. Nicht in dieser Nacht. Du verbringst die Schwärze neben mir, in diesem viel zu großen Bett. Dein Körper verbrennt mich. Deine Enge raubt mir die Luft. Dein Haar erstickt meinen Atem. Ja, ich weiß. Es könnte auch anders sein.

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QUECKSILBERDAMPF.

Die Vorstadt deiner Jugend:
eine Schneekugel, versteckt in der Zeit
tiefe, weiße Flocken

wenn ich die Augen verenge
erkenne ich dich, wie du Steine auf Straßenlaternen feuerst
und doch nie das Licht erlischen siehst

aus gutem Grund vielleicht.

Die Schneekugelvorstadt deiner Jugend
ist ein Glaskuppelgefängnis
in das Besucher ehrfürchtig hineinsehen
um sich ihrer eigenen Leben zu versichern

ein Eispalastpanorama
auf einem kleinen Regal
in einem 99-Cent-Geschäft

-bitte nicht schütteln-

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DER DIALEKTISCHE WOLPERTINGER.

GRABREDE AUF EINEN DRAMATURGEN DER AUSSTERBENDEN ART. PLÄDOYER FÜR EINEN DRAMATURGEN DER NÄCHSTEN GENERATION.

Du bist fast ausgerottet. Du bist zum Abschuss freigegeben. Die Tierschützer, die dich retten? Sie waren dir nicht spannend genug. Haben dir nicht mehr erzählt als das, was sie waren. Doch jetzt ist da niemand mehr. Jetzt erzählt da niemand mehr. Auch du nicht. Erst recht du nicht, denn Erzähler bist du nie gewesen. Deine Worte, Sätze, Phrasen haben nicht dir gehört. Du hast nur die Rechte an ihnen erfragt. Hast gekaut, was andere servierten. Selten gewürgt. Hast betrachtet, was andere sahen. Selten gestutzt. Schriebst mit fremder Tinte und schnittst dich an der Feder. Doch aus dem Gesamten zu streichen ist kein Leben! Es ist lediglich das, was es ist. Da steckt keine Metapher mehr dahinter. Da ist kein doppelter Boden, durch den du fallen kannst. Suche nicht herum. Du wirst ihn nicht finden. Erhalte dir bloss die Illusion, du würdest ein Programm gestalten. Dass da etwas entsteht, das nur dir gehört. Denn du bleibst ein Fließband, ein Montagehelfer. Du bist die industrielle Revolution des Theaters. Deine Hände Schraubenschlüssel. Corpus ex Machina. Ein dialektischer Wolpertinger, der Kopf zu massiv für den schlaksigen Rumpf. Das Ergebnis jahrelanger zweckfremder Selbsterhaltung. Für wen? Für dich? Aber du bist eine museale Vorstellung, genau wie das Theater, das du betreibst, oder betreiben lässt! Du sitzt mit einem Ringbuch hinter dem Glasblock, während die nächste Generation an die Scheibe hämmert und hofft, dass du deine Beißer zeigst. Doch die Reißzähne hast du verschluckt. Du bist der Beisitzer, der Nichtssagende, der Zurückgelassene. Sie werden deine Knochen finden. Sie werden dein Skelett rekonstruieren. Sie werden deine Haltung erahnen. Das wird ihnen nicht leicht fallen. Denn wenn man dich fragt, was du da machst, weißt du es selten genau. Wie gern wärst du Vermittler. Wie gern Diskursführer. Doch dein Theater ist ein abstraktes Konzept. Dein Theater ist ein Theater des Gesprächs. Kannst du das nicht zu Hause machen? Kannst du nicht einfach darauf warten, dass die Evolution den nächsten Schritt von selbst wagt, statt wie ein taubstummer Spürhund ständig nach dem Theater der Zukunft zu suchen? Bei dir werden wir es nicht finden. Überhaupt werden wir recht wenig bei dir finden, was wir nicht auch aus Büchern oder Filmen lernen könnten. Da ist nichts mehr, das zu holen wäre. Es wurde doch schon alles geplündert. Die letzte Arbeit, die dir bleibt, ist die Arbeit an der eigenen Abschaffung. Der Filzstift auf deiner Strichfassung Leben. Und bitte streiche so, dass uns die Leerstellen nicht auffallen. Denn du warst gut in deiner Zeit. Wir werden uns erinnern. Doch deine Zeit hat dich überwunden. Dies ist dein letzter Text. Dies ist deine Grabrede.

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