DIE KUNST DES SELBSTGESPRÄCHS.

(entstanden für das Programmheft der Produktion „Tod eines Jägers“ (Rolf Hochhuth), Premiere: 27.10.2016)

Er erinnerte sich nicht, wann er zum erstenmal, als er allein mit sich war, laut gesprochen hatte. Früher hatte er, wenn er auf Wache allein am Ruder stand, gesungen. Aber jetzt gab er häufig seinen Gedanken laut Ausdruck, da niemand da war, den sie behelligen konnten. „Wenn die andern mich laut vor mich hin reden hören, würden sie mich für verrückt halten“, sagte er laut. „Aber da ich nicht verrückt bin, ist es mir gleich.“
– Ernest Hemingway: „Der alte Mann und das Meer“

Wenn Hemingways „alter Mann“ hinaus auf das Meer fährt, um nach über einem Monat ohne Fang mit der selben Beständigkeit tagtäglich neu sein Glück zu versuchen, ist es nicht allein die Gewohnheit, die ihn letztlich am Leben erhält. Es ist vor allem die Fähigkeit, in einer solitären Situation nicht den Kopf zu verlieren. Die Technik, die er dabei nutzt, wirkt im Alltag oft befremdlich und wird sogar als ein Anzeichen von Geisteskrankheit beschrieben: das Selbstgespräch.

Das Selbstgespräch wird für Hochhuths Hemingway zu einer lebenserhaltenden Maßnahme. Im „Tod eines Jägers“ bereitet er sich allein und isoliert auf sein Ende vor, während seine Frau Mary noch seelenruhig schlafend im Bett liegt. Er reflektiert sein Leben, sein Werk, seine Entscheidungen. Trotz seiner prekären psychischen Situation ist dieses ausführliche Selbstgespräch jedoch nur bedingt als Zeichen von Geisteskrankheit zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um eine Abrechnung, die ihm im realen Leben verweigert wurde; um einen Kontrollmoment im Augenblick des absoluten Kontrollverlusts. Genau dieser Kontrollverlust ist es, der den „Jäger“ Hemingway an seinen letzten Tagen so sehr schwächt. Es ist die fatale Erkenntnis, dass auch er ein „alter Mann“ geworden ist, dass auch er, wie sein Fischer, zu weit hinausfuhr.

Der Begriff des „Selbstgesprächs“ ist dabei in seiner Natur irreführend. Natürlich spricht Hemingway in seinen letzten Stunden nicht ausschließlich mit sich selbst. Der Mensch, der ein Selbstgespräch führt, spricht dabei immer auch zu einem „Anderen“. Dieser „Große Andere“, wie er in der Psychoanalyse bei Lacan und Žižek genannt wird, ist eine Instanz, durch die wir unser Verhalten ordnen, eine Instanz, die unsere Beziehungen strukturiert. Wenn Hemingway im „Tod eines Jägers“ mit manischer Genauigkeit sein Leben abtastet und versucht, dieses in Gedanken zu ordnen, richtet er dabei seine Fragen nicht nur an sich selbst, sondern auch an den „Großen Anderen“. Dieser agiert als Referenzpunkt für Denken, Sprechen und Handeln.

Wenn ein ungezogenes Kind von seinen Eltern die Aufforderung „Lass das bitte sein, das macht man nicht.“ vernimmt, beansprucht das „man“, von dem in dieser Formulierung die Rede ist, eine Allgemeingültigkeit, die nicht durch gesetzliche Normen abgedeckt wird. Es verankert sich jedoch im Bewusstsein des Kinds, dass eine „unsichtbare Ordnung“ mit verächtlichem Blick auf es herabschauen wird, sollte es sich widersetzen. Diese unsichtbare Ordnung ist der „Große Andere“.

Wenn in „Der alte Mann und das Meer“ also die Worte „Wenn die andern mich laut vor mich hin reden hören, würden sie mich für verrückt halten“ fallen, sind nicht unbedingt „die anderen“ Fischer in einer Kneipe in Havannah gemeint, sondern eine größere Ordnung, die den Fischer im Kampf mit dem gigantischen Marlin bewerten könnte.

Für Hemingway scheint Ordnung jedweder Art in seinen letzten Stunden unverzichtbar. Seine geistige sowie körperliche Angeschlagenheit macht es in jeder Minute schwieriger, die vergangenen 61 Lebensjahre in eine ihm angemessene Struktur zu bringen. Folglich wird das Gespräch mit sich selbst, gestützt durch die höhere Instanz des „Großen Anderen“, für ihn zur Chance, sein Leben noch einmal, wenn schon nicht auf Papier, dann aber im kritischen Dialog, auseinander zu nehmen.

Egal wie groß man gelebt hat: Eine solche Auseinandersetzung muss zwangsläufig zur Niederlage führen, gibt es am Ende doch keine Chance mehr, sich noch einmal aufzuraffen, sich den verpassten Möglichkeiten doch noch zu stellen. In seiner Niederlage liegt aber auch einer der schönsten Siege, die ein Mensch erhoffen kann: das Leben Revue passieren zu lassen, und dann, unperfekt, aber mit sich selbst im Reinen, dem Ende entgegen zu sehen.

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