LOB DER TRENNUNG.

EIN ENDE MIT SCHRECKEN.

(entstanden für das Programmheft der Produktion „The Sound of a Voice“ (Philip Glass), Regie: Aileen Schneider, Premiere: 29.10.2015)

„Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“
– Friedrich Nitzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Viertes Buch

Was geschieht also, wenn laut Nietzsche auch die vermeintlichen Ausnahmesituationen unseres Lebens immer wiederkehren? The Sound of a Voice zeigt eine Chronik solchen wiederholten Scheiterns, zeigt zwei Menschen, die sich aufeinander beziehen, aber dennoch beziehungslos bleiben, weil sie sich gegenseitige Verständigung und Offenheit verweigern. Die Kunst der Wiederholung ist ein Arbeitsprozess am Dauerzustand des Menschseins. Nitzsches Vorstellung vom Universum zentriert sich im zitierten Falle um einen Aufbau aus einer begrenzten Anzahl von Teilchen. Diese Begrenzung sorgt dafür, dass jede denkbare Kombination nicht nur irgendwann zustande kommen wird, sondern auch die Möglichkeit der unendlichen Wiederkehr enthält. Die menschliche Existenz sei folglich ein Kreislauf, der uns verschlossen bleibt. „Zwischen dem Ähnlichsten lügt der Schein am schönsten“, lässt Nietzsche Zarathustra bemerken. Und so wollen wir nicht akzeptieren, dass diese Dinge, die uns gerade geschehen, etlichen Generationen zuvor wiederfuhren, ebenso wie den Generationen nach uns. Da passiert es, dass wir unsere Fehltritte, unser großes intimes Desaster, als einzigartig, unvergleichlich, einschätzen. Wir erzählen uns, dass das gerade nicht „wir“ gewesen, dass diese Eifersucht, dass die von uns verletzten Gefühle kein repetetives Problem, sondern Produkt des Moments seien. August Strindberg nennt dies in seinem gleichnamigen Stück einen „Totentanz“, man könnte auch sagen einen Tanz auf Messers Schneide, dessen selbstmörderische Tendenzen sich ebenfalls in The Sound of a Voice spiegeln: „He could feel the line between this world and the others because he rested on it“, wie der männliche Protagonist seinen suizidalen Ausbruchsversuch fast schon bemerkenswert unbeteiligt erklärt. Bereits im Spätmittelalter wurde der Totentanz als etwas beschrieben, das allen Menschen wiederfährt. Hier trifft das Bild des Tanzes: Jeder Mensch bewegt sich anders, zeigt unterschiedliche Kondition, aber früher oder später endet dieser Reigen im Grabe. Doch in The Sound of a Voice wird niemand mit dem Tode erlöst. Es ist gerade der ständige Blick in den Abgrund, der beide erstarren lässt: „Fear for something worse than death. […] Falling through the darkness. Waiting. Waiting to hit the ground.“ Und so geht es, wie auch bei Strindberg, viel eher um eine Situation des Unlösbaren, um gemeinsame Einsamkeit, eine albtraumhaften Beziehung ohne Hoffnung auf Ende. Nitzsche fragt hier weiter: Was für ein Mensch müsstest du werden, um in diesem ewigen Kreislauf nach nichts mehr verlangen zu müssen? Was müsstest du tun, damit diese Ewigkeit nicht wie ein Bleigewicht auf deinem Handeln liegt? Die Frage gilt der Veränderung, der Trennung vom Ballast, der auf unserer Seele liegt. Der Wachstumsschmerz, den wir oft in diesem Prozess spüren, löst uns von der Gefahr einer ewigen Wiederholung unserer Fehler. „Learn to love it“, wie die weibliche Figur bei Glass ihren Partner auffordert, aus sich selbst heraus ein glücklicherer Mensch zu sein. Nitzsche erkennt in der ewigen Wiederkehr nicht nur ein Prinzip des menschlichen Daseins, sondern auch eine Chance auf Besserung. „All I wanted was escape for both of us“, müssen sich die Figuren im Libretto zuletzt gescheitert eingestehen. Doch die Erkenntnis, dass ein Ende nötig ist, führt dieses Ende noch nicht herbei. Jede Fluchtmöglichkeit hängt über den Verhältnissen wie ein Damoklesschwert, dessen Fall für alle Beteiligten schmerzvoll ist. Die männliche Stimme, in ihrer selbstmörderischen Absicht, behält doch einen Funken Recht: Manchmal muss man erst auf der Klinge ruhen, sich erst mit dem Tod konfrontieren, um zu sehen, was seine Alternativen sind. Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.

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