DAS WUNDERKIND.

EIN MYTHOS.

(entstanden für das Programmheft der Produktion “Die Suche nach dem blauen Klang”, Regie: Aileen Schneider, Premiere: 12.07.2015)

Als Frédéric Chopin sich im frühen Alter von sieben Jahren an seine ersten Kompositionen wagte, stand, ganz im Sinne des gut fünfzig Jahre zuvor geborenen Mozart, schnell die häufig gebrauchte Bezeichnung des „Wunderkinds“ im Raum. Doch wie verändert ein solcher Begriff das Leben eines jungen Menschen? Der französische Philosoph Roland Barthes erkennt 1957 in seinen „Mythen des Alltags“: „Heute bedeutet Genie soviel wie Zeit sparen, nämlich mit acht Jahren das tun, was man normalerweise mit fünfundzwanzig tut.“ Um das Wunderkind rankt sich seit jeher eine geheimnisvolle Aura. Es hat Zugriff auf Fähigkeiten, die nicht jedem Menschen zur Verfügung stehen. Fähigkeiten, die nicht erlernbar sind, sondern sich aufgrund günstiger geistiger Voraussetzungen fast wie von selbst herausbilden. Die Kindheit wird zum Ort des Besonderen, da sie sonst ein Zustand des Zerbrechlichen, des Unausgebildeten ist. Gerade das Unausgebildete ist es jedoch, das im Wunderkind seine Überwindung findet. Das Heranwachsen wird zum Wettkampf, der mit dem Ende der Kindheit abrupt abbricht. Folglich formuliert Barthes weiter: „Seit der Romantik geht es darum, möglichst lange darin zu bleiben. […] Doch im selben Augenblick, in dem die Kindheit als Wunder bestimmt wird, empört man sich dagegen, dass dieses Wunder nichts anderes als ein vorzeitiger Zugang zu den Fähigkeiten des Erwachsenen sei.“ Gerade Chopins Entwicklung stellte sich jedoch gegen so einen Zugang. Sein Vater Mikolaj hatte kein Interesse, aus dem Talent seines Sohnes finanziellen Gewinn zu schlagen, obwohl Angebote dieser Art ständig im Raum standen. Denn auch die Konzertveranstalter verband ein gesteigertes Interesse am kleinen Chopin, schließlich konnte man mit einer solch jungen musikalischen Sensation besonders werben. Dass das Können Chopins jedoch nicht nur ein vorzeitiger Zugriff auf spätere Talente sein sollte, bewies sich in den gesamten 39 Jahren seines Lebens. Er schaffte es, sich nicht vom psychischen Druck eines Wunderkindes vereinnahmen zu lassen, sondern hatte im Kreise seiner Familie eine behütete Kindheit, in der er an seinen Talenten feilen und diese schließlich im Erwachsenenalter zur Perfektion treiben konnte. Erst dann zeigt sich schließlich, was ein echtes musikalisches Genie ausmacht: Die Befähigung, nicht nur zu überraschen, sondern im selben Zug auch Grenzen zu überschreiten und die musikhistorische Entwicklung während der Lebzeit und darüber hinaus zu prägen. Man gehe am Ende soweit, zu behaupten, Chopin war kein „Wunderkind“ – im besten Sinne. Diesen kruden Mythos konnte er mit gutem Gewissen hinter sich lassen.

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