ALLES BLEIBT STILL.

Sprecher: Alex Friedland
Musik: Arne Lübbert, Lisa Brand
Text, Regie: Peter Thiers
Sounddesign: Anders Lang
Aufnahmeleitung: Livius Pápay

ALLES BLEIBT STILL zieht den Hörer in die bedrückende Enge einer kalten, metallischen Isolationszelle. Dort gibt es nur einen Bewohner. Er ist einer von „denen“. Den „Grauen“. Mit dem unruhigen Blick. Unter der ständigen Kontrolle der „Muskelmänner“ durchlebt er Tage, Wochen, Monate in Einsamkeit und steigt langsam tiefer hinab in die innere Dunkelheit. Er beschreibt seine Welt: Sein Gefängnis, seine Helfer, seine Folterer. Und dann ist da alle paar Nächte wieder dieses seltsame Pochen unter dem Bett…

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DIE KUNST DES SELBSTGESPRÄCHS.

(entstanden für das Programmheft der Produktion „Tod eines Jägers“ (Rolf Hochhuth), Premiere: 27.10.2016)

Er erinnerte sich nicht, wann er zum erstenmal, als er allein mit sich war, laut gesprochen hatte. Früher hatte er, wenn er auf Wache allein am Ruder stand, gesungen. Aber jetzt gab er häufig seinen Gedanken laut Ausdruck, da niemand da war, den sie behelligen konnten. „Wenn die andern mich laut vor mich hin reden hören, würden sie mich für verrückt halten“, sagte er laut. „Aber da ich nicht verrückt bin, ist es mir gleich.“
– Ernest Hemingway: „Der alte Mann und das Meer“

Wenn Hemingways „alter Mann“ hinaus auf das Meer fährt, um nach über einem Monat ohne Fang mit der selben Beständigkeit tagtäglich neu sein Glück zu versuchen, ist es nicht allein die Gewohnheit, die ihn letztlich am Leben erhält. Es ist vor allem die Fähigkeit, in einer solitären Situation nicht den Kopf zu verlieren. Die Technik, die er dabei nutzt, wirkt im Alltag oft befremdlich und wird sogar als ein Anzeichen von Geisteskrankheit beschrieben: das Selbstgespräch.

Das Selbstgespräch wird für Hochhuths Hemingway zu einer lebenserhaltenden Maßnahme. Im „Tod eines Jägers“ bereitet er sich allein und isoliert auf sein Ende vor, während seine Frau Mary noch seelenruhig schlafend im Bett liegt. Er reflektiert sein Leben, sein Werk, seine Entscheidungen. Trotz seiner prekären psychischen Situation ist dieses ausführliche Selbstgespräch jedoch nur bedingt als Zeichen von Geisteskrankheit zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um eine Abrechnung, die ihm im realen Leben verweigert wurde; um einen Kontrollmoment im Augenblick des absoluten Kontrollverlusts. Genau dieser Kontrollverlust ist es, der den „Jäger“ Hemingway an seinen letzten Tagen so sehr schwächt. Es ist die fatale Erkenntnis, dass auch er ein „alter Mann“ geworden ist, dass auch er, wie sein Fischer, zu weit hinausfuhr.

Der Begriff des „Selbstgesprächs“ ist dabei in seiner Natur irreführend. Natürlich spricht Hemingway in seinen letzten Stunden nicht ausschließlich mit sich selbst. Der Mensch, der ein Selbstgespräch führt, spricht dabei immer auch zu einem „Anderen“. Dieser „Große Andere“, wie er in der Psychoanalyse bei Lacan und Žižek genannt wird, ist eine Instanz, durch die wir unser Verhalten ordnen, eine Instanz, die unsere Beziehungen strukturiert. Wenn Hemingway im „Tod eines Jägers“ mit manischer Genauigkeit sein Leben abtastet und versucht, dieses in Gedanken zu ordnen, richtet er dabei seine Fragen nicht nur an sich selbst, sondern auch an den „Großen Anderen“. Dieser agiert als Referenzpunkt für Denken, Sprechen und Handeln.

Wenn ein ungezogenes Kind von seinen Eltern die Aufforderung „Lass das bitte sein, das macht man nicht.“ vernimmt, beansprucht das „man“, von dem in dieser Formulierung die Rede ist, eine Allgemeingültigkeit, die nicht durch gesetzliche Normen abgedeckt wird. Es verankert sich jedoch im Bewusstsein des Kinds, dass eine „unsichtbare Ordnung“ mit verächtlichem Blick auf es herabschauen wird, sollte es sich widersetzen. Diese unsichtbare Ordnung ist der „Große Andere“.

Wenn in „Der alte Mann und das Meer“ also die Worte „Wenn die andern mich laut vor mich hin reden hören, würden sie mich für verrückt halten“ fallen, sind nicht unbedingt „die anderen“ Fischer in einer Kneipe in Havannah gemeint, sondern eine größere Ordnung, die den Fischer im Kampf mit dem gigantischen Marlin bewerten könnte.

Für Hemingway scheint Ordnung jedweder Art in seinen letzten Stunden unverzichtbar. Seine geistige sowie körperliche Angeschlagenheit macht es in jeder Minute schwieriger, die vergangenen 61 Lebensjahre in eine ihm angemessene Struktur zu bringen. Folglich wird das Gespräch mit sich selbst, gestützt durch die höhere Instanz des „Großen Anderen“, für ihn zur Chance, sein Leben noch einmal, wenn schon nicht auf Papier, dann aber im kritischen Dialog, auseinander zu nehmen.

Egal wie groß man gelebt hat: Eine solche Auseinandersetzung muss zwangsläufig zur Niederlage führen, gibt es am Ende doch keine Chance mehr, sich noch einmal aufzuraffen, sich den verpassten Möglichkeiten doch noch zu stellen. In seiner Niederlage liegt aber auch einer der schönsten Siege, die ein Mensch erhoffen kann: das Leben Revue passieren zu lassen, und dann, unperfekt, aber mit sich selbst im Reinen, dem Ende entgegen zu sehen.

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ANKÜNDIGUNG: TOD EINES JÄGERS.

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Hochhuth
TOD EINES JÄGERS

Hemingway: Torsten Münchow
Stimme: Gerd Stange

Regie: Peter Thiers
Bühne und Kostüm: Hilke Fomferra
Dramaturgie: Jascha Fendel
Assistenz: Julia Brand
Produktion: Fred Buchalski, Torsten Münchow

Der letzte Morgen graut. Aug in Aug mit der Jagdflinte, die ihm als zehnjähriger Junge von seinem Vater gegeben wurde, lässt Ernest Hemingway in den letzten zwei Stunden vor seinem Freitod das Leben Revue passieren. Im Widerstreit mit sich selbst und der Welt beginnt er, seine alten Ideale von Stärke, Stolz und Männlichkeit in Brand zu stecken.

In seinem Drama „Tod eines Jägers“ beschäftigt sich Rolf Hochhuth mit der letzten großen Frage des Menschenlebens: Was bleibt zurück, wenn wir gehen? Hochhuth, Grimme-Preis-Träger Deutsche Sprache, maßgeblicher Anreger des Dokumentartheaters und in mehr als 22 Sprachen übersetzt, hat „Tod eines Jägers“ im Jahr 1976 verfasst. Anlässlich des 85. Geburtstages von Hochhuth nimmt sich Nachwuchsregisseur Peter Thiers des Textes um Hemingway im Jahre 2016 erneut an und lässt diesen legendären Charakter des 20. Jahrhunderts in der Gegenwart auferstehen. Wie hat sich der Blick auf Hemingways testosterongetränktes Männerbild seit den 1960er-Jahren gewandelt? In der Hamburger Inszenierung, 40 Jahre nach Entstehung des Stücks, wird der bekannte Schauspieler Torsten Münchow den kurz vor dem Tode stehenden Hemingway verkörpern. Für Münchow ist es nach „Sommer 14 – ein Totentanz“ (Berliner Ensemble) die zweite Hochhuth-Inszenierung. Umso passender, dass der Autor persönlich am Premierentag bei einem anschließenden Sektempfang vor Ort sein wird.

PREMIERE
27. Oktober 2016, 20 Uhr
weitere Aufführungen am 28. Oktober und 4. November, jeweils 20 Uhr
Nach der Premiere: Sektempfang mit Autor Rolf Hochhuth

SPRECHWERK HAMBURG
Klaus-Groth-Straße 23, 20535 Hamburg
http://www.sprechwerk.hamburg

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INS WASSER.

Fallen. Tauchen. Sinken.
Spaltlungen spannen.
harren. treiben. schlucken.
sich kalt flüssiger.
bauchatemstimme.
Sand in unter Krämpfen.
knochmskelhau.
schlagen Spiegel
– –
gelber Nacht

und die Möwen kreischen nach Salz.

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HINAUS IN DIE NACHT.

Unsere Blinkanlage schickt in Abständen
Lichtkegel in die Nacht
einer Landstraße
aber welcher

Wir sitzen, rauchen
Qualmkegellichtsäulen
und im Autoradio fragt sich Ziggy Stardust
wo wir jetzt sind

da bleibt doch die Frage

Wenn dieser Mensch
mit dem Rücken zur Wand
Schüsse ertrug
und küsste
als ob nichts gewesen wäre

Aber trotzdem für sich
diese Frage
nicht beantworten kann

da bleibt doch die Frage
wie wir es können sollen

Wenn wir
nicht einmal die Landstraße kennen
durch die wir
hinaus in die Nacht
atmen.

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LOB DER TRENNUNG.

EIN ENDE MIT SCHRECKEN.

(entstanden für das Programmheft der Produktion „The Sound of a Voice“ (Philip Glass), Regie: Aileen Schneider, Premiere: 29.10.2015)

„Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“
– Friedrich Nitzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Viertes Buch

Was geschieht also, wenn laut Nietzsche auch die vermeintlichen Ausnahmesituationen unseres Lebens immer wiederkehren? The Sound of a Voice zeigt eine Chronik solchen wiederholten Scheiterns, zeigt zwei Menschen, die sich aufeinander beziehen, aber dennoch beziehungslos bleiben, weil sie sich gegenseitige Verständigung und Offenheit verweigern. Die Kunst der Wiederholung ist ein Arbeitsprozess am Dauerzustand des Menschseins. Nitzsches Vorstellung vom Universum zentriert sich im zitierten Falle um einen Aufbau aus einer begrenzten Anzahl von Teilchen. Diese Begrenzung sorgt dafür, dass jede denkbare Kombination nicht nur irgendwann zustande kommen wird, sondern auch die Möglichkeit der unendlichen Wiederkehr enthält. Die menschliche Existenz sei folglich ein Kreislauf, der uns verschlossen bleibt. „Zwischen dem Ähnlichsten lügt der Schein am schönsten“, lässt Nietzsche Zarathustra bemerken. Und so wollen wir nicht akzeptieren, dass diese Dinge, die uns gerade geschehen, etlichen Generationen zuvor wiederfuhren, ebenso wie den Generationen nach uns. Da passiert es, dass wir unsere Fehltritte, unser großes intimes Desaster, als einzigartig, unvergleichlich, einschätzen. Wir erzählen uns, dass das gerade nicht „wir“ gewesen, dass diese Eifersucht, dass die von uns verletzten Gefühle kein repetetives Problem, sondern Produkt des Moments seien. August Strindberg nennt dies in seinem gleichnamigen Stück einen „Totentanz“, man könnte auch sagen einen Tanz auf Messers Schneide, dessen selbstmörderische Tendenzen sich ebenfalls in The Sound of a Voice spiegeln: „He could feel the line between this world and the others because he rested on it“, wie der männliche Protagonist seinen suizidalen Ausbruchsversuch fast schon bemerkenswert unbeteiligt erklärt. Bereits im Spätmittelalter wurde der Totentanz als etwas beschrieben, das allen Menschen wiederfährt. Hier trifft das Bild des Tanzes: Jeder Mensch bewegt sich anders, zeigt unterschiedliche Kondition, aber früher oder später endet dieser Reigen im Grabe. Doch in The Sound of a Voice wird niemand mit dem Tode erlöst. Es ist gerade der ständige Blick in den Abgrund, der beide erstarren lässt: „Fear for something worse than death. […] Falling through the darkness. Waiting. Waiting to hit the ground.“ Und so geht es, wie auch bei Strindberg, viel eher um eine Situation des Unlösbaren, um gemeinsame Einsamkeit, eine albtraumhaften Beziehung ohne Hoffnung auf Ende. Nitzsche fragt hier weiter: Was für ein Mensch müsstest du werden, um in diesem ewigen Kreislauf nach nichts mehr verlangen zu müssen? Was müsstest du tun, damit diese Ewigkeit nicht wie ein Bleigewicht auf deinem Handeln liegt? Die Frage gilt der Veränderung, der Trennung vom Ballast, der auf unserer Seele liegt. Der Wachstumsschmerz, den wir oft in diesem Prozess spüren, löst uns von der Gefahr einer ewigen Wiederholung unserer Fehler. „Learn to love it“, wie die weibliche Figur bei Glass ihren Partner auffordert, aus sich selbst heraus ein glücklicherer Mensch zu sein. Nitzsche erkennt in der ewigen Wiederkehr nicht nur ein Prinzip des menschlichen Daseins, sondern auch eine Chance auf Besserung. „All I wanted was escape for both of us“, müssen sich die Figuren im Libretto zuletzt gescheitert eingestehen. Doch die Erkenntnis, dass ein Ende nötig ist, führt dieses Ende noch nicht herbei. Jede Fluchtmöglichkeit hängt über den Verhältnissen wie ein Damoklesschwert, dessen Fall für alle Beteiligten schmerzvoll ist. Die männliche Stimme, in ihrer selbstmörderischen Absicht, behält doch einen Funken Recht: Manchmal muss man erst auf der Klinge ruhen, sich erst mit dem Tod konfrontieren, um zu sehen, was seine Alternativen sind. Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.

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TAU.

Verfrühte Rückkehr
an den Ort
wo du noch vor sieben Stunden
dein viertes Bier in die Büsche gekotzt
und dir danach lächelnd
den Lippenstift mit der Regenjacke verwischt hast

das Wasser fällt in schweren Tropfen
wir sind die Letzten im modrigen Gras
am Ende der Wehmütigkeit

du bist keine Last für mich
eher ein zu leichter Geldbeutel
den man zufällig verliert
und sich danach vielleicht einreden kann
dass es nicht an einem selbst lag

das Verlieren, immerhin.

aber jetzt
die Haare voller Gräser
gekrönt von Halmen und Ästen
bleiben nur unsere Blicke
die sich in vorbeifließenden Blättern verlieren
um nicht einander treffen zu müssen

du schließt die Augen
legst deinen Kopf in die flüchtende Nacht

und der Morgentau
liegt wie nebliger Film
auf deiner Haut.

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